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  • BernetL

"Mami, chill si mal!"

Diese Worte richtete mein knapp 12-jähriger Sohn an mich, als ich ihn, inzwischen emotional erhitzt, zum dritten Mal dazu anhielt, seine am Boden verstreuten Kleider entsprechend ihrem Zustand zu sortieren.

Er findet es total unwichtig, ob Kleider am Boden liegen, im Schrank versorgt sind oder Schmutzwäsche auf direktem Weg im Wäschekorb landet. Sein Kopf ist voller Gedanken, aber über alles andere als häusliche Pflichten. So kommt es auch oft vor, dass er aus dem Nichts mit tiefgründigen komplexen Fragen daher kommt, die mich immer wieder staunen und schmunzeln lassen.


Situationen im Alltag führen uns immer wieder vor Augen, dass die Aufmerksamkeit eines jeden Menschen eine andere Ausrichtung hat, Wahrnehmung sehr unterschiedlich ist und die daraus folgende Reaktion oder Handlung individuell entsprechend der eigenen Lebenssituation, Erfahrungen, Erlebnissen, Prägungen, Konditionierungen und Glaubenssätzen erfolgt.


Achtloser Umgang mit Kleidern oder frisch geputzten Böden sind für das eine Kind vielleicht «chillig».

Für die Hausfrau bedeutet es aber Mehraufwand und möglicherweise das Gefühl, dass ihre Arbeit nicht respektiert wird.


Ein Patient auf der Notfallstation sieht von aussen betrachtet für alle involvierten Fachpersonen gleich aus, äussert oder zeigt die gleichen Symptome. Wahrnehmung und Interpretation der Patientensituation, sowie daraus folgende Gedankengänge, Vernetzungen und Reaktionen sind bei jedem Arzt oder Pflegeperson aber unterschiedlich, je nach Erfahrungen in ähnlichen Situationen.


Ein grosser Baum mag für den einen bedrohlich, für den anderen beschützend wirken.


Doch wie entsteht diese individuelle, eigene Wirklichkeit?


1. Durch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit

Nicht jeden interessiert «aus dem Bauch heraus» das Gleiche. Und jeder befindet sich in einer anderen Lebenssituation.


2. Durch die erste Begegnung mit einem Thema, einem Menschen, einer Sache, einer Information

Eine erste Erfahrung wird automatisch zur Grundlage jeder weiteren Beschäftigung mit dem Thema und dessen Einschätzung. Je unbewusster diese erste Begegnung geschieht, um so stärker bestimmt sie deinen weiteren Umgang mit dem Sachverhalt.


3. Durch die Wahrnehmung von Veränderung und Bewegung

Du brauchst Gegensätze, Kontraste wie hell und dunkel, heiss und kalt, um etwas wahrnehmen zu können. Je schneller der Wechsel stattfindet, um so schneller bemerkt man es.

Oder hast du schon mal einem Baum beim Wachsen zugesehen? Wird er jedoch gefällt, wirst du plötzlich aufmerksam.

Licht an, Licht aus nimmst du schneller wahr als Dimmen.

Blinklicht nimmst du eher wahr als Dauerlicht.


Je weniger passiert, um so weniger gibt es zu sehen, um so weniger nimmst du wahr, um so schläfriger wirst du, um so weniger überprüfst du, was wirklich hinter der Information oder der Wahrnehmung steckt.


4. Durch die Speicherung von restlos ALLEM, was du auf deinem Lebensweg bisher erlebt hast.


Ebene 1: Im Randbewusstsein

· Dinge, die man oft wiederholt wie berufliche Tätigkeit, Geburtsdatum, Auto fahren usw.

· Intensive und schmerzliche Erlebnisse wie Unfall, Tod eines geliebten Menschen usw

· Dinge, die du gerne gelernt und erfahren hast


Ebene 2: Im Nichtbewussten Teil des Wesens

Erinnerungen an Details, die ausserhalb des Interesses oder der bewussten Wahrnehmung lagen.


Zum Beispiel die Farbe des Kleides einer Freundin bei einem Treffen ein Jahr zuvor.

Die Fakten dieser Ebene können

· durch Trance

· durch einen Wechsel von intensiver Beschäftigung mit dem Thema und Phasen

der Ablenkung (Impuls und Loslassen)

· oder durch Müdigkeit und Entspannung

wieder ins Bewusstsein gelangen


Ebene 3: Im Nichtbewussten Teil des Wesens

Erinnerungen, die in «Bewusstlosigkeit» aufgezeichnet wurden.


Zum Beispiel kann man Patienten nach einer OP in Trance zum Verlauf der OP befragen. Sie können was gesprochen wurde und geschehen ist, wiedergeben. Zu dieser Ebene gehören auch Nahtoderfahrungen und die Schwangerschaft. Die Fakten dieser Ebene können in der Regel nur in Trance erinnert werden.


Die Inhalte der drei Ebenen ergeben also eine lückenlose Aufzeichnung aller Inhalte und Daten eines menschlichen Lebens.

Dabei wird die Fähigkeit der Erinnerung bestimmt durch die SUBJEKTIVE Intensität und Bewusstheit eines Ereignisses.

Extremster Schmerz und extremste Bedrohung können (als Schutzreaktion) zu einem vollständigen Erinnerungsverlust führen.


Was bringt mir die Bewusstheit dieser Fakten? Verständnis, Offenheit, Respekt und Akzeptanz gegenüber anderen Menschen, deren Reaktionen wir vielleicht unverständlich und nicht nachvollziehbar finden, die aber ihren Ursprung und aus ihrem Blickwinkel durchaus ihre Berechtigung haben.


Und manchmal kann man sich auch einfach inspirieren lassen und sagen:


"Ok, chillemer si mal!"


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